Von Mania D zu Malaria!: Die Frauen, die West-Berlin prägten
Manche Geschichten werden erst dann wirklich sichtbar, wenn jemand geht.
Bettina Köster starb am 16. März 2026 in Capaccio Paestum in Süditalien. Sie wurde 66 Jahre alt. Ihre frühere Bandkollegin Gudrun Gut bestätigte ihren Tod und sagte, sie sei froh gewesen, kurz vor Kösters Tod noch bei ihr sein zu können.
Für viele außerhalb der Berliner Underground Szene war der Name vielleicht nicht sofort geläufig. Für alle, die wissen, was in West-Berlin Ende der Siebziger und frühen Achtziger passiert ist, ist er untrennbar mit einer der wichtigsten Kapitel weiblicher Musikgeschichte verbunden.
Dieser Artikel ist unser Versuch, diese Geschichte zu erzählen. Nicht als Nachruf im klassischen Sinne, sondern als Einladung, ihre Musik zu entdecken oder neu zu hören.
West-Berlin 1979: Mania D und der Laden namens Eisengrau
West-Berlin Ende der Siebziger war ein Sonderfall. Eine Insel mitten in der DDR, subventioniert, abgeschnitten, voller Menschen die genau deswegen kamen. Wehrpflichtige die dem Militärdienst entgingen, Künstlerinnen die billige Ateliers suchten, Musikerinnen die keine Regeln kannten oder kannten und sie bewusst ignorierten.
In diesem Umfeld gründeten Bettina Köster, Gudrun Gut, Karin Luner, Beate Bartel und Eva Gössling 1979 Mania D, eines der ersten reinen Frauenbandprojekte der Berliner Szene. Keine Vorbilder, kein Rezept, kein Masterplan. Einfach Frauen, die Musik machen wollten, in einer Stadt die gerade neu erfunden wurde.
Parallel dazu eröffneten Köster und Gut 1979 den Laden Eisengrau in der Goltzstraße in Schöneberg: ein Konzeptstore für Underground Mode, Super-8-Filme und Kunst, der sich schnell zum Szenetreffpunkt entwickelte. Ab 1980 veröffentlichte Eisengrau auch Musik von Underground Bands auf Kassetten in kleinen Auflagen.
Ein kleiner Laden in Schöneberg, der nebenbei ein Stück Berliner Musikgeschichte mitgeschrieben hat.
Malaria!: zwei Jahre, ein Werk
Aus Mania D entstand 1981 Malaria!. Bettina Köster, Gudrun Gut, Christine Hahn, Manon P. Duursma und Susanne Kuhnke. Wieder ein reines Frauenprojekt, diesmal noch konsequenter im Sound: kälter, hypnotischer, mit einem Rhythmusgefühl das irgendwo zwischen Post-Punk und frühem Elektro pendelte.
Das Ausrufezeichen im Namen war Programm. Bei einem Auftritt im Londoner Venue waren unter den 350 Gästen 300 Musikerinnen und Musiker. Wer damals in der internationalen Underground Szene etwas wissen wollte, kannte Malaria!. Der legendäre britische Radio-DJ John Peel feierte Mania D als “Queens of Noise”.
Ihr bekanntester Song ist bis heute Kaltes klares Wasser. Kalt, klar, unerbittlich. Ein Track der klingt als hätte jemand alle überflüssigen Töne weggelassen und nur das Wesentliche übrig gelassen. Wegen einer Coverversion von Chicks On Speed ist er bis heute ein Clubhit.
Malaria! lösten sich 1983 nach nur zwei Jahren auf, ausgebrannt: zu viele Gigs, zu wenig Geld. Was bleibt ist ein kleines, dichtes Werk das bis heute nachwirkt. Der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen schreibt in seinem Vorwort zu M_Dokumente: „Wenn man in dichter Folge ihre Alben auflegt, hört man so etwas wie ein Werk, nicht so sehr ein Genre, eines, das man nicht unbedingt einer einzelnen Person zuordnen kann, sondern eher einem Geist.“
Und dann war da noch der Auftritt im Studio 54 in New York, Oktober 1981. Die Band trat auf in Schwarz, Stiefeln, Reithosen, roten Nelken im Knopfloch. Was als Referenz an eine deutsche Kultur vor dem Nationalsozialismus gemeint war, wurde von einem Teil des Publikums als etwas ganz anderes gelesen, ausgerechnet an Jom Kippur. Köster erinnerte sich später: die Zeitung schrieb dann nur “German Rockers dare to play on Jom Kippur”. Westberlin dachte eben manchmal, der Rest der Welt denke wie Westberlin.
Gudrun Gut: Ein Echo, das bis heute nachhallt
Wenn man eine Person sucht, die den roten Faden durch diese ganze Geschichte verkörpert, dann ist es Gudrun Gut.
Bei Mania D dabei, bei Malaria! dabei, in der Frühphase von Einstürzende Neubauten dabei. Und danach nicht aufgehört. Nach Malaria! folgten Matador, die bis 1991 existierten, näher am Kunstbetrieb, spielerischer und poppiger, mit erstmaligem Computereinsatz beim Musikmachen.
Was dann kam, war kein Rückzug sondern eine Ausweitung. Gut gründete das Label Monika Enterprise, eines der wichtigsten unabhängigen Labels für elektronische und experimentelle Musik von Künstlerinnen in Europa. Kein Zufall, dass es mit M beginnt. Vertraglich hatten die Musikerinnen damals festgehalten, dass auch künftige Projekte mit dem Buchstaben M beginnen sollten.
Bis heute produziert, kuratiert und vernetzt Gudrun Gut. 2021 erschien M_Dokumente (Ventil Verlag), ein reich bebildertes Buch das die Geschichte von Mania D, Malaria! und Matador auf unterhaltsam subjektive Weise erzählt. Dazu erschienen die M_Sessions, ein Doppelalbum mit Neuinterpretationen und raren Originalaufnahmen, remixed von Künstlerinnen aus dem Monika Werkstatt Kollektiv.
Dass sie sich damals nicht als Feministin bezeichnet hätte, erklärte Gut bei einem Radiointerview. Das sei ihr erst in den Neunzigern klar geworden. Programmatisch aufgeladen war die Vorreiterrolle jedenfalls nicht: „Wir wollten einfach machen, wozu wir Lust hatten. Und wir hatten mehr Lust, mit Frauen was zu machen.“
Das klingt lapidar. Ist es aber nicht.
Für Bettina
Wer ihre Stimme kennt, weiß wie unverwechselbar sie war. Kein Vibrato, kein Schmachten, kein Bedienen von Erwartungen. Eine Stimme die so präsent war, direkt und dunkel und ohne Umwege traf sie genau ins Herz, in den Bauch und hallte nach. Noch Generationen später. Genau wie die Musik, die sie gemacht hat.
In einem Interview aus 2017 sagte sie über Malaria!: „Es war einfach Musik, die wirklich tief aus uns herauskam. Wir haben nie gedacht: Oh, wir klingen wie die Achtziger. Nee, die achtziger Jahre klangen eher wie wir. Wir haben nichts nachgespielt oder Vorbilder imitiert.“
Hör (wieder) rein
Mania D, Malaria!, Matador. Drei Bands, eine Stadt, ein Jahrzehnt, das die Musikgeschichte verändert hat. Und Frauen mittendrin, nicht nur am Rand.
Wer diese Musik noch nicht kennt, weiß jetzt, wo anzufangen ist. Wer sie kennt, hat vielleicht Lust, sie noch mal neu zu entdecken oder tiefer zu gehen. Zum Beispiel mit diesem ausführlichen Interview von Gudrun Gut, in dem sie über ihre jahrzehntelange Karriere als Pionierin der Avantgarde-Musik, das Leben in Berlin vor und nach dem Mauerfall sowie ihre Vorliebe für Kollektive reflektiert.
Die Dokumentation „Women in Rock“ (Netflix) von Wolfgang Büld beleuchtet die Geschichte des 1980er-Punk aus einer weiblichen Perspektive. Im Mittelpunkt des Films stehen wegweisende Künstlerinnen und Bands wie Siouxsie and the Banshees, Nina Hagen, The Slits und auch Malaria!. Neben spannenden Interviews bietet die Doku vor allem packende und historische Live-Aufnahmen der Musikerinnen, hier ein Ausschnitt:
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